AHK-Konjunkturumfrage 2016

Die deutsch-bulgarischen Wirtschaftsbeziehungen zeichnen sich durch eine positive Entwicklung trotz der Nachteile des Geschäftsumfeldes in Bulgarien aus

Das Handels- und Investitionsvolumen gelten als Hauptfaktoren der Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei Ländern. Die deutschen Direktinvestitionen in Bulgarien erreichten im Jahr 2015 wieder positive Werte. Der Handelsumsatz stellte einen neuen Rekord auf. Die Konjunkturumfrage, die die AHK Bulgarien zum zwölften Mal in Folge unter ihren Mitgliedern durchführte, fasst negative Standortfaktoren zusammen, die seit Jahren unverändert sind. Im Kontext der Herausforderungen vor den Kammermitgliedern ragt eine Frage heraus, und zwar „Bis wann?“: einerseits steht offen, bis wann diese Probleme ungelöst bleiben. Anderseits fragt man sich, wie lange noch die Unternehmen trotz der Schwierigkeiten deren Geschäft erfolgreich weiterführen werden. Die Wirtschaftslage in Bulgarien zeichnet sich laut der Befragten auch durch Vorteile aus.

Seit 2005 beteiligt sich die AHK Bulgarien jährlich an der Konjunkturumfrage der in Mittel- und Osteuropa präsenten deutschen Auslandshandelskammern. Die Umfrage soll sowohl auf die starken als auch auf die problematischen Seiten der Wirtschaftslage in der Region eingehen. 2016 beantworteten 107 Mitgliedsfirmen der AHK Bulgarien die Fragen. 70 % davon repräsentieren kleine und mittlere Unternehmen (unter 250 Mitarbeitern), während der Anteil der Großunternehmen 30 % beträgt.

Seit 2014 präsentiert die AHK Bulgarien die Ergebnisse im Vergleich zu den Ergebnissen aus den Umfragen, die alle 16 Auslandshandelskammern (AHK) in Mittel- und Osteuropa (MOE) parallel im Februar durchführen. Im Jahr 2015 nahmen insgesamt 1311 Firmen aus MOE an der AHK-Konjunkturumfrage teil.

Zufriedenheit in Zahlen

Die Mitglieder der AHK Bulgarien sind in erster Linie Investoren in Bulgarien und Unternehmen mit Handelsbeziehungen in/nach Deutschland. Trotz der heterogenen Zusammensetzung der Mitgliedsfirmen stellt die Kammer traditionsgemäß die Frage: „Würden Sie heute wieder Bulgarien als Investitionsstandort wählen?“. 84 % der befragten Mitglieder der AHK Bulgarien beantworten diese Frage positiv. 57 % der Befragten bewerten die gegenwärtige wirtschaftliche Lage in Bulgarien als befriedigend. Die Prognose der Mehrheit der Unternehmen bezüglich ihrer eigenen Entwicklung erweist sich als eher optimistisch: 53 % der Befragten erwarten eine Verbesserung. 42 % rechnen mit einem steigenden Exportabsatz (nur 5 % erwarten einen Rückgang). 38 % der Befragten sind der Meinung, dass sie sich 2016 größere Investitionsausgaben leisten werden, während 50 % keine Veränderung vorhersehen. 39 % rechnen sich Chancen auf neue Arbeitsplätze aus, lediglich 6 % der Befragten geben an, 2016 einen Teil ihrer Arbeitsplätze möglicherweise abbauen zu müssen. Zum Vergleich: 2015 befürchteten 6 % einen Arbeitsplatzabbau, während sich 47 % eine Erweiterung des Personals erhofften. Die Antworten skizzieren ein aufschlussreiches Bild der Zufriedenheit bezüglich der bereits getroffenen Wahl des Wirtschaftsstandorts.

Im letzten Jahrzehnt ist das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Bulgarien um mehr als das Siebenfache gestiegen. Deutschland bleibt der wichtigste ausländische Absatzmarkt für die bulgarische Produktion. 2015 belief sich der bulgarische Export nach Deutschland auf 2,8 Mrd. Euro – mehr als der Export zu jedem anderen ausländischen Absatzmarkt für bulgarische Waren und Dienstleistungen. Der deutsche Import nach Bulgarien beträgt im Jahr 2015 3,4 Mrd. Euro. Laut Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erreichte 2015 das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern neue Rekordwerte: rund 6,3 Mrd. Euro (Wachstum von 6,5 % im Vergleich zum vorigen Jahr). Wann wird aber die Grenze dieses positiven Trends im Handelsvolumen erreicht? Die hochwertigen deutschen Waren und Dienstleistungen sind in Bulgarien beliebt. Allerdings hängt das Importvolumen auch von der Kaufkraft der bulgarischen Bevölkerung und der in Bulgarien agierenden Unternehmen ab. Die tieferen Preisebenen und die relativ kurzen Lieferzeiten erklären das Interesse Deutschlands an der bulgarischen Produktion. Der Markt der Bundesrepublik steht offen für Firmen, die genügend Kapazität haben, fristgemäß und zuverlässig Qualitätswaren- und dienstleistungen anzubieten.    

Nach Angaben der Bulgarischen Nationalbank ist in 2015 ein erheblicher Anstieg bei den Direktinvestitionen aus Deutschland zu verzeichnen: plus 175,6 Mio. Euro (zweiter Platz, nach den Niederlanden). Zum Vergleich: die deutschen Direktinvestitionen betrugen im Jahr 2014 Minus 275,6 Mio. Euro.

Die aktuellen Handels- und Investitionsangaben bestätigen die positiven Einstellungen der Unternehmer bezüglich Bulgarien als Investitionsstandort. Die Lage sieht jedoch anders aus, wenn wir auf die konkreten Standortfaktoren eingehen.

Geringe Ausgaben versus Unsicherheit

Wie erwartet ist die Zufriedenheit bei den Faktoren Steuerbelastung und -system, die sich in dem jeweils ersten und dritten Platz Bulgariens in diesen Kategorien widerspiegelt, erheblich. Die niedrige Körperschaftssteuer- bzw. Einkommenssteuer (10 %) machen es möglich, schnell Gewinn zu generieren. Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen den äußerst günstigen Preis für die Arbeitskraft in Bulgarien: in diesem Bereich belegt Bulgarien den ersten Platz gefolgt von den restlichen 15 MOE-Ländern.

Diese Faktoren sind ungenügend, wenn es ein mangelhaftes Rechtssystem und keine soziale und politische Stabilität gibt. Ein funktionierendes Rechtssystem und Rechtsstaatlichkeit sichern gleiche Regeln für alle Marktteilnehmer und sind eine der Voraussetzungen für loyale Konkurrenz. Unter den 16 an der Konjunkturumfrage teilnehmenden Ländern landet Bulgarien auf die hinteren Plätze, besonders in Hinsicht auf die Rechtssicherheit (Platz 14, gefolgt von Albanien und Bosnien und Herzegowina), und den Kampf gegen Korruption und Kriminalität (15. Platz, gefolgt von Kosovo), die Bürokratie der öffentlichen Verwaltung (Platz 11) und die Transparenz der öffentlichen Ausschreibungen (letzter Platz). 

Der Vergleich zu den Ergebnissen der Konjunkturumfrage vom letzten Jahr lässt keine wesentliche Verbesserung erkennen. Bei der Frage nach der politischen und sozialen Stabilität steigt Bulgarien vom Platz 14 (2015) auf Platz 10 (2016). Die Bewertung der befragten Mitglieder der AHK Bulgarien liegt jedoch niedriger als im Vorjahr und unter dem MOE-Durchschnitt.

Bildung als Schlüsselfaktor

Sehr gut ausgebildete Fachkräfte können die Wettbewerbsfähigkeit Bulgariens gegenüber den Nachbarländern steigern. Bulgarien hat sich als bevorzugte Outsourcing-Destination für internationale Unternehmen etabliert. Selbstverständlich wäre es besser für die bulgarische Wirtschaft aber auch für die Arbeitskräfte, wenn Bulgarien im größeren Umfang Güter mit einem höheren Mehrwert exportiert. Bezüglich der Qualität der akademischen und der Berufsbildung nimmt Bulgarien im MOE-Vergleich jeweils den letzten und vorletzten Platz ein. Bezüglich der Verfügbarkeit von Fachkräften landet Bulgarien auf den vorletzten Platz. Die Einführung von Elementen der (deutschen) dualen Berufsbildung in Bulgarien zusammen mit einem adäquaten Rechtsrahmen für Firmen und deren Bedarf an ausgebildeten Fachkräften aus relevanten Fachbereichen bilden die Grundlage für entsprechende Lösungen auf diesem Gebiet.

Die EU-Mitgliedschaft als Bürge für Stabilität

Bulgarien bietet viel mehr Chancen seit dem EU-Beitritt. Der bulgarische Markt ist dynamisch. Es warten Nischen, die noch aufzuschließen sind. Der Markt dient als eine Drehscheibe zwischen Europa und Asien. Leider landet Bulgarien beim Standortfaktor Infrastruktur auf den 12. Platz.

Die Mitglieder der AHK Bulgarien sind der EU-Mitgliedschaft gegenüber positiv eingestellt (vierter Platz, nach Estland, Litauen, Polen). Unter dem MOE-Durchschnitt liegt laut den Befragten der Zugang Bulgariens zu öffentlichen sowie europäischen Fördermitteln. Im Vergleich zu den Angaben vom letzten Jahr ist eine Verschlechterung hinsichtlich dieses Faktors zu verzeichnen (2016: 10. Platz, 2015: 5. Platz).  Auf die Frage „Wünschen Sie die Einführung des Euro in Bulgarien?“ antworten 44 % mit „ja“, während 39 % dagegen sind (17 % möchten keine Meinung äußern).
Bulgarien sollte die entsprechenden Maßnahmen treffen, die Probleme, die seit Jahren eine Hürde für die Unternehmen darstellen, zu bewältigen.

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